Wie schwer ist ein Sandsack?

Veröffentlicht: August 20, 2012 von fluthelfer in Landkreis Lüchow-Dannenberg
Geschichten zur »Hochwassernacht» in Erinnerung an die Jahrhundert-Elbeflut des Jahres 2002

mh Hitzacker. Museumsleiter Klaus Lehmann stemmte den Sandsack und fragte in die Runde: »Wie schwer ist er?» Die mehr als 100 Gäste in der Hitzackeraner Elb- und der Zollstraße waren durchweg Experten für den simplen Schutz vor Fluten. Sie hatten vor genau zehn Jahren mit Sandsäcken ihr Hab und Gut vor dem Elbewasser mehr schlecht als recht ge- sichert.

Oder sie hatten als Helfer tausende von Säcken gefüllt, transportiert und in den Straßen der Fachwerkinsel gestapelt. So gab es reichlich Gesprächsstoff während der »Hochwassernacht» am vergangenen Freitag, zu der das Stadtmuseum »Das Alte Zollhaus» eingeladen hatte. Leute von der Feuerwehr und dem THW waren gekommen, die Kanu-Freunde hatten ih- re Hochwasser-Shirts übergestreift, man war sich an den Tischen per Du, denn das Hochwasser hat aus Nachbarn Freunde gemacht.

»Heiß war es Mitte August, als wir von den reißenden Fluten in Dresden hörten», regte Gastgeber Lehmann die Erinnerungen an. »Auswärtige Helfer fragten mit Blick auf die Jeetzel, wo denn das Wasser bliebe, während wir die ersten Krisenpläne besprachen», erzählte Jürgen Meyer, damals Einsatzleiter in der Samtgemeinde, vom allmählichen Anstieg bis zum Pegelstand NN +14,99 Meter am 23./24. August. Es war der bis dahin höchste in der Geschichte der Elbestadt. Es wurde nicht evakuiert, aber sehr viel improvisiert. Und das Tag und Nacht. Die Fotos auf zwei installierten Großleinwänden legten Zeugnis davon ab.

»Wir hatten viel zu wenige Sandfüllmaschinen. Da schnitten wir einfach die Köpfe von den Warnhütchen für Stra-ßensperren ab», erinnerte sich Gerd Piper am Tisch mit vie- len Helfern. Nachts hatte er die Einsatzleitung der Feuerwehr übernommen, tagsüber ging er seinem Job auf dem Bauhof nach. Auch Henning Bodendieck war als Leiter des Bauhofs bis zu 24 Stunden im Einsatz: »Wir haben unter anderem die Stege in den Straßen und den Treibstoff für die Generatoren besorgt und die vielen Hel- fer von auswärts eingewiesen.» Noch heute schwärmt Henning Bodendieck vom Miteinander im Krisenstab. »Einmal besprochen und es funktionierte. Der Handschlag galt, man konn- te sich auf jeden verlassen.»

Auch in der damaligen Kurverwaltung am Weinbergsweg war Organisationstalent gefragt. »Wir haben Akten evakuiert, statt Zimmer vermittelt, im Verdo Möbel der Insulaner gestapelt und schaulustige Touris-ten freundlich aufgeklärt», erzählte Loni Thorwesten als ehemaligen Mitarbeiterin. »Ich möchte eine Stadtführung im Boot», sei einer der frechen Vorschläge gewesen. Für Peter Wieczorek, Inhaber des »Parkhotels», drohte die Saison die Elbe runter zu gehen. »Es hagelte Absagen, aber dann haben sich viele Journalisten bei uns einquartiert.» Leere Gästebet-ten gab es in der Nachsaison in ganz Hitzacker, denn bundesweit wurde vor der Mückenplage in der Elbtalaue gewarnt. »Die Schwärme sind aufgestiegen wie Rauchwolken», mag sich Alfred Freitag gar nicht gern erinnern. Der Berliner hatte sich Urlaub für die Stadtinsel genommen. Seiner Findigkeit war es zu verdanken, dass die Hitzackeraner täglich mit frischen Brötchen beliefert wurden, denn er hatte die tief gelegene »Knigge»-Backstube von Wasser freigehalten. Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit habe ihm für seinen Einsatz eine Verdienstmedaille überreicht. Es war die Zeit der Heldinnen und Helden. Insulaner, deren Wohnungen überflutet waren, halfen trotz eigener Not ihren Nachbarn oder schmierten wie Edeltraut Schult tausende Brötchen. »Meine Möbel standen im Orgelraum der Kirche, mit Pumpen war nichts mehr im Haus zu retten, also habe ich anderen geholfen.»

Und auch der Humor ist den Hitzackeranern nicht verloren gegangen. »August Kerting hat uns mit seinem Hochwasserschluck viel Freude gemacht», schmunzelte Klaus Lehmann in die Runde. Der älteste Insulaner holte in der »Hochwassernacht» wieder eine Flasche Köm aus seinem Haus Ecke Zoll- und Elbstraße und schenkte wie im August vor zehn Jahren aus. Und wie viel wog nun der Sandsack? 9,2 Kilo verkündete Klaus Lehmann zu später Stunde. Die Insulanerin Nina Radke hatte das richtig geraten und damit eine Fahrt mit Frühstück auf dem bekannten Sofafloss gewonnen.

Quelle: ejz.de

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