Die Verweigerer von Dautzschen

Veröffentlicht: Juli 16, 2012 von fluthelfer in Thüringen

Zehn Jahre ist es jetzt her, dass Städte und Dörfer in Sachsen und Sachsen-Anhalt von schweren Überschwemmungen heimgesucht wurden. Elbe und Mulde, aber auch kleine Flüsse wie Weißeritz, Zschopau oder Prießnitz traten über die Ufer und verwüsteten die Umgebung. Deiche brachen. Ganze Dörfer mussten evakuiert werden. Doch es gab auch Menschen, die trotz der Gefahr in ihren Häusern blieben. Wir berichten aus Dautzschen bei Torgau.

von André Seifert

Joachim B, Johann und Anni F verstehen sich gut. Sie sind Nachbarn in Dautzschen, sitzen plaudernd im Garten und erinnern sich an die Flut: „Helfer ohne Ende. Wir haben die gar nicht gekannt. Mädels, Jungs, junge Leute, die haben dann mit angepackt.“ Sie blättern in Fotoalben mit Bildern von damals:

„Das ist dein Haus, Achim. Und hier das von den Barthels. Alles schon unter Wasser. Die Straße wie im Spreewald.“ Joachim B.

 

Einige trotzten der Gefahr und versteckten sich

 

Als am 18. August 2002 um 9.05 Uhr vor Dautzschen der Deich brach, mussten die Familien ihre Häuser verlassen. Während Johann und Anni F diesem Aufruf folgten und sich ins militärische Sicherheitsgebiet im Wald evakuieren ließen, blieben Joachim B und Sohn in ihrem Dreiseitenhof, um sich um ihre Tiere zu kümmern.

„Als abends um zehn das Wasser kam, mussten wir ja nicht nur an uns, sondern auch an zwei Schweine, Hühner und Enten denken. Es war schon dunkel und wir haben alles, was wir hatten, soweit auf den Heuboden gehievt. Das Vieh bekam einen Strick durchs Maul und der Sohn hat geschoben und gedrückt, was das Zeug hielt.“ Joachim B.

Zwei Nächte versteckten sie sich  im Haus, wo das gesamte Erdgeschoss schon unter Wasser stand. „Das Glück war, dass wir einen Gaskocher bei der Tochter oben hatten. Da konnten wir uns wenigstens Kaffee kochen.“ Dabei hatten die Rettungskräfte von THW, Feuerwehr, Polizei und Bundeswehr intensiv nach Evakuierungsverweigerern gesucht. Sogar mit Hubschraubern.

 

„Wir haben uns nicht sehen lassen. Wenn ein Hubschrauber kam, die haben ja Patrouille geflogen, dann haben wir uns versteckt. Wir haben es schon von weitem Brummen hören und dann wussten wir, jetzt ist Zeit, jetzt musste in Deckung gehen.“ Joachim B

Was bringt der neue Polder?

Er lacht: „Das war schlimm. Wirklich.“ Nicht nur Dautzschen war betroffen. Durch den Deichbruch wurden 16 Orte überflutet. Doch viel ist davon nicht mehr zu sehen. Die Häuser sind saniert. Die Gemeinde hat Straßen, Kanalisation, Bürgerhaus, Schule und Kindergarten erneuert. Und  – an der Elbe wird auch heute wieder gebaggert: Bis 2013 soll der gesamte zehn Kilometer lange Deich nördlich von Torgau erneuert werden.

Trotzdem sorgen sich die Anwohner, erzählt Ortsvorsteher Hans-Jürgen Löwe. Denn vor den Toren Dautzschens ist ein Polder geplant, ein Hochwasserrückhaltebecken also. In Dautzschen geht die Angst um den Grundwasserdruck um. „Da gibt es viele offene Fragen für uns, die man hoffentlich klären wird. Letztendlich soll dieses Poldergebiet ja zur Sicherung unsereres Gebietes dienen.“ Am 18. August gibt es in Dautzschen eine Flut-Gedenkfeier. Dann wird auch über dieses Thema viel geredet.

Quelle: mdr.de

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