Die Gewissensentscheidung von Rehsen

Veröffentlicht: Juli 11, 2012 von fluthelfer in Hochwasser 2002

Vielen ist sicher noch gut in Erinnerung, wie im August 2002 zehntausende Helfer mit anpackten und Sandsäcke schleppten, um die Deiche zu sichern. Oft ist danach von der Solidarität und Hilfe untereinander gesprochen worden. Im Gegensatz dazu steht die Geschichte des kleinen Ortes Rehsen in der Nähe von Wörlitz in Sachsen-Anhalt. Hier sahen Bewohner nur einen Ausweg, um ihre Häuser zu retten: Sie öffneten eigenmächtig den alten Dorfdeich. Eine Entscheidung, die ihnen viel Ärger einbrachte, denn jetzt wurden die hinter dem Deich liegenden Häuser vom Wasser erfasst.

von Manuela Lonitz

Rund vier Kilometer entfernt von der Elbe liegt das kleine Örtchen Rehsen. Wie überall entlang des Flusses beobachtete man auch hier im August 2002 mit Sorge, wie sich das Wasser immer weiter an die Deichkrone heran schob. Dann wurden erste Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, erinnert sich Gunhild Scheffler.

„Alles was krauchen konnte, ging raus zum Sandschippen. Frauen, Männer, Kinder. Ich weiß noch die kleine Lara – drei oder vier Jahre alt, die hat ihre kleine Sandschippe geholt und auch Säcke voll gemacht. Wir hatten Spaß dabei, weil keiner richtig geglaubt hat, dass das Wasser kommt.“ Gunhild Scheffler, Bewohnerin von Rehsen

Doch die Lage spitzt sich immer mehr zu. Am 18. August bricht der Deich in Seegrehna. Er sei gesprengt worden, um Dessau und den Wörlitzer Park zu schützen – davon sind viele noch heute überzeugt. Der Leiter des Landesbetriebes für Hochwasserschutz Burkhard Henning sagt dazu:

„Ich kann ausdrücklich bestätigen, dass kein Deichbruch durch Hinzufügung menschlicher Kraft entstanden ist, sondern nur durch die Gewalt der Wassermassen – ja das war enorm. Und auch in Seegrehna war das der Fall. Der Deich brach, weil er einfach versagt hat.“ Burkhard Henning vom Landesbetrieb für Hochwasserschutz

Unvorstellbare Wassermassen ergießen sich ins Hinterland. Die Rehsener hatten vorsorglich in einem Kraftakt einen fast zwei Kilometer langen Notdeich gebaut. Klaus Scheffler war damals als Chef der freiwilligen Feuerwehr im Dauereinsatz. Doch das Wasser steigt im Minutentakt. Die letzten Versuche den Notdeich aufzustocken, müssen abgebrochen werden. „Das wurde zu gefährlich – es sickerte da durch und da lief es drüber. Und dann hab ich alle Leute rausgejagt und wir haben in der Kneipe vorne gewartet. Nachts um drei war es dann soweit.“

Kann man tatenlos zusehen?

Das Wasser schießt über den Notdeich, überflutet Häuser und die Schweinezuchtanlage der Schefflers. Bis in die Kneipe hört Klaus Scheffler seine Schweine in Todesangst quieken. 300 sterben. Das Wasser steht nun zwei Meter hoch am alten Dorfdeich, der eigentlich schon vor Jahrzehnten seine Funktion verloren hat. Wenn der bricht, versinkt das ganze Dorf. Der Wasserdruck muss weg – dafür gibt es einen Weg. Wasser müsste ins Schönitzer Polder geleitet werden, ein natürliches Überflutungsgebiet, das aber auch bewohnt ist. Diese Möglichkeit sei von den Verantwortlichen im Krisenstab diskutiert worden, sagt Scheffler.

„Man war sich nicht einig von oben her. Der eine hat so, der andere so gequatscht. Und keiner hatte den Mumm in der Hose, zu sagen ‚Jetzt los, machen wir das!‘ und auf jeden Fall sind abends welche los und haben den alten Querdeich durchgebuddelt.“ Klaus Scheffler von der freiwilligen Feuerwehr

Die Rehsener haben selbst Hand angelegt. Dadurch blieb der Ortskern verschont, aber das Wasser überflutete das gesamte Schönitzer Polder. Und damit sechs Höfe. Die standen wochenlang unter Wasser. Auch für die Rhesener hatte das Ganze ein Nachspiel. Klaus Scheffler und vier andere wurden von der Staatsanwaltschaft wegen Deichzerstörung angeklagt. Da ihnen aber eine konkrete Beteiligung nicht nachgewiesen wurde, sind sie am Ende freigesprochen worden. Die Geschichte aber belastet die Bewohner dies- und jenseits des Deiches noch immer und die meisten wollen nicht mehr darüber reden.

Quelle: mdr.de

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