Archiv für Juli, 2012

Oder-Hochwasser

Veröffentlicht: Juli 27, 2012 von fluthelfer in Zentrale der Deutschen Fluthilfe

Ein Sonntag 1997. Hubschrauber mit schweren Sandsackpaketen fliegen unablässig über Frankfurt an der Oder. Fernsehzuschauer in den alten Bundesländern lernen ein neues Wort: Oderbruch. Gut 15.000 Menschen in dem ehemaligen Sumpfgebiet von der Größe des Bodensees sitzen auf gepackten Koffern. Wenn die Deiche nicht halten, müssen sie fliehen. Viel Glück und der Einsatz der Helfer unter Lebensgefahr verhindern aber in Brandenburg das Schlimmste

Oder Hochwasser

Quelle: br.de

Wenigerbach nimmt seinen natürlichen Lauf

Veröffentlicht: Juli 20, 2012 von fluthelfer in Hochwasserschutz, NRW

Die Gemeinde will die geplante Freilegung des teilweise unterirdisch unter dem Sportplatz verlaufenden Wenigerbaches in Angriff nehmen. Nächsten Sommer soll dem Bach wieder ein natürliches Bett bereitet werden.

 

Der Wenigerbach wird künftig wieder seinem natürlichen Lauf am nördlichen Rand des ehemaligen Sportplatzes folgen können. Schon bald will die Gemeinde die lange geplante Freilegung in Angriff nehmen. „Der Kreis hat den Planfeststellungsbeschluss bestätigt“, sagt Franz Lohre, Leiter der Gemeindewerke. Im kommenden Winter sollen die vorbereitenden Gehölzarbeiten im Bereich des ehemaligen Seelscheider Sportplatzes, unter dem der Bach seit den 1960er Jahren unterirdisch in einem Rohr verläuft, durchgeführt werden. Im Sommer 2013, so der Plan, wird dem Bach dann wieder ein natürliches Bett bereitet.

Die Freilegung des etwa 250 Meter langen Gewässerabschnitts zwischen Breite Straße (K16) und der Straße Am Sportplatz hat eine lange Vorgeschichte. Wie der Gemeindewerkschef berichtet, wurde die Renaturierung seit den 90er Jahren diskutiert, zusammen mit der Verlegung des Sportplatzes. Während letzteres Projekt längst umgesetzt ist und im Bereich des alten Platzes die Franziskus-Schule eine Heimat gefunden hat, gerieten die Renaturierungspläne ist Stocken. Anwohner äußerten Bedenken. Lohre: „Deshalb konnte das Amt für technischen Umweltschutz beim Kreis keine wasserrechtliche Erlaubnis geben.“ Die Gemeinde beantragte das Planfeststellungsverfahren.

Für die Freilegung sprechen, wie Lohre erklärt, mehrere Gründe. Zum einen fordert die Europäische Wasserrahmenlinie gesunde Gewässer. Der Wenigerbach jedoch sei in dem verrohrten Stück „quasi tot“. Weder für Kleinlebewesen noch für Wanderfische sei die Passage geeignet, so dass durch das Rohr Ober- und Unterlauf de facto getrennt seien. Zum anderen gibt es am Wenigerbach viele Niederschlagswassereinleitungen. Um den Bach damit nicht zu überfordern, müsste der Zufluss durch den Bau neuer beziehungsweise größerer Regenrückhaltebecken gedrosselt werden. „Ein freigelegter Fluss ist aber leistungsfähiger“, erläutert Lohre. Damit können die Regenrückhaltungen geringer dimensioniert werden, was Geld spart. Und schließlich ist die Renaturierung eine ökologische Ausgleichsmaßnahme für den Sportplatz in Breitscheid.

Im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens brachten Naturschutzverbände und Anwohner etliche Vorschläge ein. „Die werden im Wesentlichen berücksichtigt“, sagt Franz Lohre. So werde die Freilegung des Gewässers außerhalb von Hochwasserzeiten und die Gehölzarbeiten außerhalb der Vegetationsperiode durchgeführt. „Und der Bach bekommt ausreichend Entwicklungsraum zum Mäandern.“

Zugleich sollen die Anschlüsse am etwa parallel zum Bach verlaufenden Schmutzwasserkanal erhalten bleiben. „Wir verbessern außerdem den Durchlass an der Straße Am Sportplatz“, so Lohre.
Die Kosten für die Freilegung beziffert er auf rund 350 000 Euro: „Die Gelder stehen seit Jahren bereit.“ Derzeit liegt der Planfeststellungsbeschluss im Rathaus aus.

Quelle: ksta.de

Neue Betten für die Gewässer

Veröffentlicht: Juli 17, 2012 von fluthelfer in Hochwasserschutz, NRW

Nicht nur der Unterlauf der Sieg soll in Sankt Augustin von seinem künstlichen Lauf befreit werden und künftig so fließen, wie es der Fluss vor Jahrhunderten tat. Auch an Schleuterbach und Siemensbach kommt es zu Eingriffen.

Die Sieg soll in Zukunft wieder so fließen, wie das einst vor Jahrhunderten der Fall war: So wird der Fluss in den kommenden Jahren an seinem Unterlauf weitgehend aus dem künstlichen Korsett befreit. Doch auch im kleineren Maßstab werden die Gewässer nach Möglichkeit renaturiert. An Schleuterbach und Siemensbach etwa, die durch den Niederpleiser Wald fließen, sollen in den kommenden Monaten erhebliche Eingriffe vorgenommen werden. Wie Martina Hirschberg als Geschäftsführerin des Wasserverbandes Rhein und Sieg erklärt, erhalten die beiden schlanken Gewässer an einigen Stellen ein ganz neues Bett. Dabei gilt es, ökologisch und landschaftsarchitektonisch sinnvolle Ideen umzusetzen.

So verschwindet das Wasser seit den 1960er Jahren im angrenzenden Industriegebiet im Erdboden, von dort wird es der Kläranlage zugeführt. Das, so betont Hirschberg, sei früher gar nicht einmal so sinnlos gewesen, wie das nun vordergründig klingen möge. „Denn die Kläranlage benötigt für ihren Betrieb eine bestimmte Mindestmenge an Wasser.
Mittlerweile jedoch sei das überflüssig – und auch die Gesetzeslage hat sich geändert: Im Sinne der Nachhaltigkeit ist es oberstes Gebot, nicht mehr Wasser als nötig wiederaufzubereiten. Schon im kommenden Jahr soll das Wasser beider Bäche dem Pleisbach zugeführt werden – der einst auch der natürliche Abfluss war.

Dazu jedoch bedarf es einer nicht unbeträchtlichen Anstrengung: Die Bäche erhalten nicht nur neue Betten, sondern sie werden in Zukunft um das Industriegebiet herumgeführt. Der Siemensbach soll dann neben einem Spazierweg verlaufen, der die Straße „Am Kreuzeck“ mit der Grundschule am Pleiser Wald verbindet. Zwischen 60 und 70 Zentimeter tief muss das Bachbett sein, damit es auch bei einem erhöhten Spiegel ausreichend Wasser aufnehmen kann. Weit oberhalb der Wohnbebauung wird zudem der Schleuterbach in einem kastenförmigen, flacheren Bett heimisch. Wer zurzeit am Spazierweg entlangläuft, sieht bereits die neue Trasse des Baches, für die eine Schneise in den Wald geschlagen worden ist. „Das sieht nicht schön aus“, sagt Hirschberg, doch sie ist überzeugt, dass die Landschaft letztlich hinzugewinnen werde.

Die vor zwei Wochen begonnenen Arbeiten wurden nach einer Ortsbegehung mit einem Artenschutzexperten indes schnell ausgesetzt: Die Nester von bodenbrütende Vögeln könnten beschädigt oder zerstört werden. Unter anderem, so Hirschberg, habe man Zaunkönige dort gesichtet. Der Technische Beigeordnete der Stadt, Rainer Gleß, hat mit dieser Pause seinen Frieden: „Ich halte das für richtig.“ Mit der Fertigstellung des Projekt rechnet er Anfang kommenden Jahres. Insgesamt lässt sich die Stadt die Maßnahme um die 400 000 Euro kosten, der Wasserverband stellt neben Expertenwissen auch die erforderlichen Maschinen zur Verfügung.

 

Quelle: ksta.de

Die Verweigerer von Dautzschen

Veröffentlicht: Juli 16, 2012 von fluthelfer in Thüringen

Zehn Jahre ist es jetzt her, dass Städte und Dörfer in Sachsen und Sachsen-Anhalt von schweren Überschwemmungen heimgesucht wurden. Elbe und Mulde, aber auch kleine Flüsse wie Weißeritz, Zschopau oder Prießnitz traten über die Ufer und verwüsteten die Umgebung. Deiche brachen. Ganze Dörfer mussten evakuiert werden. Doch es gab auch Menschen, die trotz der Gefahr in ihren Häusern blieben. Wir berichten aus Dautzschen bei Torgau.

von André Seifert

Joachim B, Johann und Anni F verstehen sich gut. Sie sind Nachbarn in Dautzschen, sitzen plaudernd im Garten und erinnern sich an die Flut: „Helfer ohne Ende. Wir haben die gar nicht gekannt. Mädels, Jungs, junge Leute, die haben dann mit angepackt.“ Sie blättern in Fotoalben mit Bildern von damals:

„Das ist dein Haus, Achim. Und hier das von den Barthels. Alles schon unter Wasser. Die Straße wie im Spreewald.“ Joachim B.

 

Einige trotzten der Gefahr und versteckten sich

 

Als am 18. August 2002 um 9.05 Uhr vor Dautzschen der Deich brach, mussten die Familien ihre Häuser verlassen. Während Johann und Anni F diesem Aufruf folgten und sich ins militärische Sicherheitsgebiet im Wald evakuieren ließen, blieben Joachim B und Sohn in ihrem Dreiseitenhof, um sich um ihre Tiere zu kümmern.

„Als abends um zehn das Wasser kam, mussten wir ja nicht nur an uns, sondern auch an zwei Schweine, Hühner und Enten denken. Es war schon dunkel und wir haben alles, was wir hatten, soweit auf den Heuboden gehievt. Das Vieh bekam einen Strick durchs Maul und der Sohn hat geschoben und gedrückt, was das Zeug hielt.“ Joachim B.

Zwei Nächte versteckten sie sich  im Haus, wo das gesamte Erdgeschoss schon unter Wasser stand. „Das Glück war, dass wir einen Gaskocher bei der Tochter oben hatten. Da konnten wir uns wenigstens Kaffee kochen.“ Dabei hatten die Rettungskräfte von THW, Feuerwehr, Polizei und Bundeswehr intensiv nach Evakuierungsverweigerern gesucht. Sogar mit Hubschraubern.

 

„Wir haben uns nicht sehen lassen. Wenn ein Hubschrauber kam, die haben ja Patrouille geflogen, dann haben wir uns versteckt. Wir haben es schon von weitem Brummen hören und dann wussten wir, jetzt ist Zeit, jetzt musste in Deckung gehen.“ Joachim B

Was bringt der neue Polder?

Er lacht: „Das war schlimm. Wirklich.“ Nicht nur Dautzschen war betroffen. Durch den Deichbruch wurden 16 Orte überflutet. Doch viel ist davon nicht mehr zu sehen. Die Häuser sind saniert. Die Gemeinde hat Straßen, Kanalisation, Bürgerhaus, Schule und Kindergarten erneuert. Und  – an der Elbe wird auch heute wieder gebaggert: Bis 2013 soll der gesamte zehn Kilometer lange Deich nördlich von Torgau erneuert werden.

Trotzdem sorgen sich die Anwohner, erzählt Ortsvorsteher Hans-Jürgen Löwe. Denn vor den Toren Dautzschens ist ein Polder geplant, ein Hochwasserrückhaltebecken also. In Dautzschen geht die Angst um den Grundwasserdruck um. „Da gibt es viele offene Fragen für uns, die man hoffentlich klären wird. Letztendlich soll dieses Poldergebiet ja zur Sicherung unsereres Gebietes dienen.“ Am 18. August gibt es in Dautzschen eine Flut-Gedenkfeier. Dann wird auch über dieses Thema viel geredet.

Quelle: mdr.de

Die Gewissensentscheidung von Rehsen

Veröffentlicht: Juli 11, 2012 von fluthelfer in Hochwasser 2002

Vielen ist sicher noch gut in Erinnerung, wie im August 2002 zehntausende Helfer mit anpackten und Sandsäcke schleppten, um die Deiche zu sichern. Oft ist danach von der Solidarität und Hilfe untereinander gesprochen worden. Im Gegensatz dazu steht die Geschichte des kleinen Ortes Rehsen in der Nähe von Wörlitz in Sachsen-Anhalt. Hier sahen Bewohner nur einen Ausweg, um ihre Häuser zu retten: Sie öffneten eigenmächtig den alten Dorfdeich. Eine Entscheidung, die ihnen viel Ärger einbrachte, denn jetzt wurden die hinter dem Deich liegenden Häuser vom Wasser erfasst.

von Manuela Lonitz

Rund vier Kilometer entfernt von der Elbe liegt das kleine Örtchen Rehsen. Wie überall entlang des Flusses beobachtete man auch hier im August 2002 mit Sorge, wie sich das Wasser immer weiter an die Deichkrone heran schob. Dann wurden erste Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, erinnert sich Gunhild Scheffler.

„Alles was krauchen konnte, ging raus zum Sandschippen. Frauen, Männer, Kinder. Ich weiß noch die kleine Lara – drei oder vier Jahre alt, die hat ihre kleine Sandschippe geholt und auch Säcke voll gemacht. Wir hatten Spaß dabei, weil keiner richtig geglaubt hat, dass das Wasser kommt.“ Gunhild Scheffler, Bewohnerin von Rehsen

Doch die Lage spitzt sich immer mehr zu. Am 18. August bricht der Deich in Seegrehna. Er sei gesprengt worden, um Dessau und den Wörlitzer Park zu schützen – davon sind viele noch heute überzeugt. Der Leiter des Landesbetriebes für Hochwasserschutz Burkhard Henning sagt dazu:

„Ich kann ausdrücklich bestätigen, dass kein Deichbruch durch Hinzufügung menschlicher Kraft entstanden ist, sondern nur durch die Gewalt der Wassermassen – ja das war enorm. Und auch in Seegrehna war das der Fall. Der Deich brach, weil er einfach versagt hat.“ Burkhard Henning vom Landesbetrieb für Hochwasserschutz

Unvorstellbare Wassermassen ergießen sich ins Hinterland. Die Rehsener hatten vorsorglich in einem Kraftakt einen fast zwei Kilometer langen Notdeich gebaut. Klaus Scheffler war damals als Chef der freiwilligen Feuerwehr im Dauereinsatz. Doch das Wasser steigt im Minutentakt. Die letzten Versuche den Notdeich aufzustocken, müssen abgebrochen werden. „Das wurde zu gefährlich – es sickerte da durch und da lief es drüber. Und dann hab ich alle Leute rausgejagt und wir haben in der Kneipe vorne gewartet. Nachts um drei war es dann soweit.“

Kann man tatenlos zusehen?

Das Wasser schießt über den Notdeich, überflutet Häuser und die Schweinezuchtanlage der Schefflers. Bis in die Kneipe hört Klaus Scheffler seine Schweine in Todesangst quieken. 300 sterben. Das Wasser steht nun zwei Meter hoch am alten Dorfdeich, der eigentlich schon vor Jahrzehnten seine Funktion verloren hat. Wenn der bricht, versinkt das ganze Dorf. Der Wasserdruck muss weg – dafür gibt es einen Weg. Wasser müsste ins Schönitzer Polder geleitet werden, ein natürliches Überflutungsgebiet, das aber auch bewohnt ist. Diese Möglichkeit sei von den Verantwortlichen im Krisenstab diskutiert worden, sagt Scheffler.

„Man war sich nicht einig von oben her. Der eine hat so, der andere so gequatscht. Und keiner hatte den Mumm in der Hose, zu sagen ‚Jetzt los, machen wir das!‘ und auf jeden Fall sind abends welche los und haben den alten Querdeich durchgebuddelt.“ Klaus Scheffler von der freiwilligen Feuerwehr

Die Rehsener haben selbst Hand angelegt. Dadurch blieb der Ortskern verschont, aber das Wasser überflutete das gesamte Schönitzer Polder. Und damit sechs Höfe. Die standen wochenlang unter Wasser. Auch für die Rhesener hatte das Ganze ein Nachspiel. Klaus Scheffler und vier andere wurden von der Staatsanwaltschaft wegen Deichzerstörung angeklagt. Da ihnen aber eine konkrete Beteiligung nicht nachgewiesen wurde, sind sie am Ende freigesprochen worden. Die Geschichte aber belastet die Bewohner dies- und jenseits des Deiches noch immer und die meisten wollen nicht mehr darüber reden.

Quelle: mdr.de

Das Drama von Weesenstein

Veröffentlicht: Juli 9, 2012 von fluthelfer in Thüringen

Das Jahrhunderthochwasser vor zehn Jahren traf besonders die Elbe und ihre Nebenflüsse. Eines der Bilder hat sich sehr eingebrannt. Das von vier Menschen, die sich auf einen Mauerrest retten konnten – das Haus umgeben von braunen Wassermassen. Entstanden ist es im kleinen Ort Weesenstein im sächsischen Müglitztal. Zehn von vierzig Häusern wurden damals komplett zerstört, ein Ehepaar starb. Jetzt, zehn Jahre später, ist unsere Reporterin noch einmal hingefahren.

von Mareike Wiemann

Hochwasser 2002 in Weesenstein bei Pirna

Wie idyllisch sie dahinfließt, die Müglitz: Ein kleiner Fluss, der sich seinen Weg durchs Tal bahnt. Doch im August 2002, da wurde die Müglitz innerhalb von wenigen Stunden zum reißenden Strom. Als das Wasser sein Haus umspülte, da wusste Rainer Sobcinski, dass er weg musste: Über die Schuppendächer rauf zum Hang.

Vom Hochwasser eingeschlossen

Die Fluten reißen das schöne alte Fachwerkhaus der Sobcinskis mit. Manche Einwohner müssen in letzter Minute per Hubschrauber von den Überresten ihrer Häuser gerettet werden. Wie Familie Jäpel, deren Bild um die Welt geht. Helmut Bertold, der frühere Pfarrer von Weesenstein, kann auch zehn Jahre später noch nicht fassen, wie schnell alles ging.

„Dass über Nacht das ganze Haus mit Dach und Balken und Fenstern und Türen und Treppen und Möbeln und den Mauern verschwunden ist – bis auf den Grund und Boden. Es war einfach alles weg!“ Helmut Bertold, der frühere Pfarrer von Weesenstein

Die Weesensteiner waren damals nicht vorgewarnt worden. Weder von den Hochwasserzentralen, noch durch die Ortschaften vor ihnen. Rainer Sobcinskis erinnert sich:

„Und dann sind wir losgelaufen. Meine Frau sagte noch: ‚Hast du auch das Fenster zugemacht? ‚Und ich meinte: ‚Ich habs rangeschoben, damit es nicht reinregnet.‘ Und dann sind wir den Hang hoch und zum erstbesten Nachbarn rein und da saßen schon welche. Früh bin ich raus und sehe, wo die Häuser standen, da war ein riesiger See.“ Rainer Sobcinski aus Weesenstein

Weiter erzählt er: „Dann kam ein Tag Stille im Ort, da hat sich nichts bewegt. Erst als ein Nachrichtensender schrieb, Weesenstein sei ‚vergessen worden‘, ging es am nächsten Tag los. Da haben die Hubschrauber für die paar Einwohner Berge von Lebensmitteln gebracht und Kleidung.“

Die rettende Arche am Hang

Sobcinski und seine Frau kamen damals bei Pfarrer Bertold unter. Der 79-Jährige lebt in einem Haus am Hang, seiner ‚Arche Noah‘, wie er sagt. Bertold wurde in diesen Tagen zum Medienprofi, er koordinierte die unzähligen Presseanfragen. Und auch die vielen Spendenangebote, die aus ganz Deutschland eintrafen. „Nennen Sie uns jemanden, dem wir helfen können!, „Wohin sollen wir die Lebensmittel bringen?“, „Können wir die Sachen in der Feuerwehr einlagern?“ Aber die war ja auch überschwemmt. und es hieß: „Na, dann bringen wir es zu Ihnen.“

Nicht nur Materielles zählt

Seitdem sind zehn Jahre vergangen. Mit Hilfe von Spendengeldern konnten viele der Betroffenen neue Häuser bauen. Es entstand sogar eine neue Straße für sie im Nachbarort: Die Straße des 12. August. Neid kam da auf bei manchen Weesensteinern: ‚Die haben jetzt ein schöneres Haus als vorher!‘ Doch das Materielle könne nicht alles ersetzen, meint Pfarrer Bertold.

„Dein Grundstück ist weg, deine Kindheit, deine Jugend. Wo du sonst auf Schritt und Tritt deine Erinnerungen hattest mit den Bildern, mit den Möbeln alles das ist dir in einem Moment genommen – wie im Krieg. Und mit einem Mal warst du froh, das nackte Leben gerettet zu haben.“ Helmut Bertold, der frühere Pfarrer von Weesenstein

Rainer Sobcinski wollte nach der Flut nicht weg aus Weesenstein. Im Gegenteil, er wollte ein neues Haus bauen, genau an der gleichen Stelle. Das wurde ihm nicht erlaubt. Sobcinski und seine Frau wohnen jetzt zur Miete in der Nachbarstadt. „Na, da wohne ich eben in Dohna. Und bin zufrieden, sag ich mal.“ An der Stelle von Rainer Sobcinskis Haus ist nun ein Spielplatz. Sehr schön sieht der aus, bunt, mit viel Holz. Hier erinnert nicht mehr viel an die Wassermassen vor zehn Jahren. Vergessen aber ist die Flut noch lange nicht.

Quelle: mdr.de