Archiv für August 7, 2010

Hochwasser Görlitz wird evakuiert

Veröffentlicht: August 7, 2010 von fluthelfer in Hochwasserflut 2010

 

Im Dreiländereck von Tschechien, Polen und Ostsachsen spitzt sich die Hochwasserlage zu. Für Teile der Region gilt Katastrophenalarm, acht Menschen starben bereits.

Das Wasser kam schnell. Mindestens vier Menschen konnten sich nicht mehr vor den Fluten retten, die nach andauerndem Regen in Sachsen und Polen strömten. Eine Staumauer brach, auf Görlitz rauschte am Abend eine Flutwelle zu.

Im Erzgebirge ertranken drei Menschen bei dem Versuch, Waschmaschinen aus dem Keller ihres Mehrfamilienhauses zu retten. In Polen wurde ein Mensch von den Fluten eines Flusses mitgerissen. In Tschechien ertranken vier Männer.

Für den Süden des Landkreises Görlitz und für Teile der Sächsischen Schweiz wurde am Abend Katastrophenalarm ausgerufen. Er gilt für Neustadt, Sebnitz, Bad Schandau und die Gemeinde Kirnitzschtal. Das teilte das Landratsamt Sächsische Schweiz-Osterzgebirge in Pirna mit. Grund sind die Wassermassen in zahlreichen Bergflüssen, die nach Starkregen teilweise über die Ufer getreten seien. Ein Wohnviertel im Osten der Stadt Zittau stand unter Wasser und musste evakuiert werden, teilte das Landratsamt Görlitz mit.

In Zittau erreichte der Pegelstand der Neiße laut Landeshochwasserzentrum am Abend 4,70 Meter. Das bedeutet Hochwasseralarmstufe vier. Den Polizeiangaben zufolge brach in Drausendorf ein Neißedamm. Am späten Abend stand der Pegel in Görlitz bei 6,68 Meter.

Auf Görlitz rauschte am späten Abend entlang der Neiße eine Flutwelle zu, nachdem im polnischen Radomierzyce (Radmeritz) eine Staumauer gebrochen war. Sie sollte die deutsch-polnische Grenzstadt von etwa 22.00 Uhr an erreichen, teilte der Katastrophenschutzstab des Landkreises mit. «Die Bevölkerung wird gebeten, ihre Häuser zu verlassen und höhergelegene Orte aufzusuchen.» Entlang der Neiße liefen bereits Evakuierungen, weitere würden vorbereitet. Die Bevölkerung werde über Lautsprecherwagen informiert, hieß es aus dem Katastrophenschutzstab.

Für das vom Hochwasser betroffene Gebiet entlang der Neiße ist ein Bürgertelefon eingerichtet worden. Es ist unter den Nummern 03588 285940 und 03588 285941 zu erreichen, teilte die Polizei in Görlitz am Samstagabend mit. Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) sprach im MDR-Fernsehen von einer dramatischen Situation. Er bat einringlich darum, bei den Evakuierungen den Weisungen der Polizei zu folgen.

Im Kirnitzschtal in der Sächsischen Schweiz sind am Samstagabend mehrere Menschen mit einem Hubschrauber vor dem Hochwasser in Sicherheit gebracht worden. Sie hatten sich in einem Hotel mit Restaurant («Buschmühle») aufgehalten, das vom Wasser eingeschlossen war. Dies sagte die Sprecherin des Landratsamtes Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, Annette Hörichs. In Sebnitz habe der gleichnamige Fluss den Marktplatz überflutet. In Bad Schandau, das 2002 vom Jahrhunderthochwasser der Elbe stark zerstört worden war, sei Wasser der Kirnitzsch in die Stadt geflossen.

In Görlitz, wo nach einem Dammbruch im benachbarten Polen in der Nacht eine Flutwelle der Neiße erwartet wurde, wurde das Straßentheaterfestival Via Thea am Abend abgebrochen. «Die Sicherheit geht vor», begründetet Projektleiterin Christiane Hoffmann.

«Hier herrscht absolutes Chaos»

In der knapp 40 Kilometer von Görlitz entfernten Stadt Zittau gab es nach Polizeiangaben mehrere Verletzte und vom Wasser eingeschlossene Menschen. «Hier herrscht absolutes Chaos, das übertrifft alles bisher Dagewesene», sagte ein Polizeisprecher. Die Pegelstände der Lausitzer Neiße und des Flüsschens Mandau waren in kurzer Zeit stark gestiegen.

Kurz hinter der Stadt Zittau seien Orte abgeschnitten und stünden unter Wasser, berichtete der Sprecher des Innenministeriums, Frank Wend. Die Menschen würden mit Schlauchbooten aus ihren Häusern geholt.

Zuvor hatte das Tief «Viola» auf dem Weg gen Osten unter anderem im Erzgebirgsort Neukirchen gewütet. Dort ertranken eine 72-Jährige, ihr 74-jähriger Ehemann und ein 63-jähriger Nachbar. In dem Ort gebe es zahlreiche über die Ufer getretene Bäche, sagte ein Polizeisprecher.

Wegen des Hochwassers an der Elbe ist der Zugverkehr zwischen Sachsen und Tschechien unterbrochen worden. Die Strecke Richtung Prag und Budapest wurde am Samstagabend zwischen Bad Schandau und Königstein gesperrt, teilte das Landratsamt Sächsische Schweiz/Osterzgebirge mit. Die Bahnlinie verläuft dort nahe des Flusses. Beim Hochwasser 2002 war die Strecke stark beschädigt worden. Am Samstag schwoll die Elbe kräftig an. Am Pegel Schöna an der Grenze zu Tschechien legte der Stand binnen 13 Stunden um drei Meter zu. In Dresden betrug der Zuwachs 1,60 Meter. Im bräunlichen Wasser schwammen Baumstämme und Gestrüpp.

In Polen wurde die Stadt Bogatynia an der Grenze zu Sachsen fast vollständig überflutet. Ein Mensch sei dabei ums Leben gekommen, sagte der Sprecher der polnischen Feuerwehr, Pawel Fratczak, der polnischen Nachrichtenagentur PAP. Viele Menschen warteten auf den Dächern ihrer Häuser auf Rettung.

In den nordböhmischen Ortschaften Chrastava (Kratzau) und Frydlant (Friedland) wurden Einwohner mit Hubschraubern von den Dächern ihrer Häuser gerettet.

Tausende Haushalte hatten keinen Strom. Straßen und Zugstrecken wurden gesperrt.

Auch an der Spree stiegen die Pegel. In Bautzen stand er am Abend bei 4,03 Meter.

Unterdessen stiegen auch in Sachsen-Anhalt die Pegelstände einiger Flüsse. Wegen des Hochwassers der Weißen Elster sollte nach Einschätzung der zuständigen Zentrale in Magdeburg noch in der Nacht zum Sonntag am Pegel Zeitz die Alarmstufe 2 ausgerufen werden. Bei Gera-Landenberg gelte diese Stufe bereits. Insgesamt gibt es vier Stufen.

Heftiger Regen hatte in den Stunden zuvor auch in Bayern Straßen überschwemmt und Flüsse über die Ufer treten lassen. Vor allem im Allgäu fielen an mehreren Orten binnen 24 Stunden mehr als 100 Liter Regen pro Quadratmeter – so viel wie normalerweise im ganzen Monat Juli. Helfer mussten zu etlichen Einsätzen ausrücken, zunächst blieb die Situation aber unter Kontrolle.
cvd/news.de/dpa,ddp